Während im Iran Proteste brutal niedergeschlagen werden, geraten in Rojava feministische Selbstverwaltungsstrukturen unter militärischen Beschuss. SARA MOHAMMADI erklärt, was beide Schauplätze miteinander verbindet.
Nach einer wochenlangen nahezu vollständigen Internetsperre, die das Regime der Islamischen Republik am 8. Jänner 2026 verhängt hatte, um auf Proteste der Bevölkerung zu reagieren, erreichten die Welt verstörende Bilder: übereinandergestapelte Leichensäcke, ausgebrannte Basare, überfüllte Krankenhäuser. Laut Time Magazine, das sich auf Angaben des iranischen Gesundheitsministeriums beruft, sollen allein am 8. und 9. Jänner 2026 mehr als 30.000 Menschen getötet worden sein. Die in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists News Agency hat bislang über 5.000 Todesfälle identifiziert und untersucht weitere 17.000 Fälle.
Die meisten der Getöteten sind unter 30 Jahre alt. Zeugenaussagen und Videomaterial deuten darauf hin, dass gezielt auf den Kopf geschossen wurde. Laut Mai Sato, UN-Sonderberichterstatterin für den Iran, werden verletzte Protestierende aus Krankenhäusern verschleppt und inhaftiert. Fest steht: Die Islamische Republik Iran hat ein Massaker an der eigenen Zivilbevölkerung verübt – einer Bevölkerung, die seit 47 Jahren immer wieder Widerstand gegen dieses Regime leistet.
Von der Wirtschaftskrise zur Systemfrage
Im Dezember 2025 begann eine neue Protestwelle im Iran. Was zunächst als Reaktion auf Rekordinflation, steigende Lebensmittelpreise und den rapiden Wertverlust der Währung begann, entwickelte sich rasch zu einer breiten Bewegung mit einer klaren politischen Forderung: dem Ende des bestehenden Systems. Den Auftakt machten Händler im Großen Basar von Teheran, wenig später schlossen sich weitere Arbeiter_innen, Studierende, Feminist_innen sowie ethnische und religiöse Minderheiten an.
Die Proteste breiteten sich schnell auf Großstädte, aber auch kleinere Orte aus. Demonstrierende skandierten offen regimekritische Parolen und richteten ihren Zorn zunehmend gegen Symbole staatlicher Macht, auch Einrichtungen der Islamischen Revolutionsgarde wurden angegriffen. Den Höhepunkt erreichten die Proteste am 8. und 9. Jänner, als zusätzlich der ehemalige Kronprinz Reza Pahlavi zu Protesten und sieben kurdische Oppositionsparteien zu Generalstreiks aufriefen. Hunderttausende Menschen gingen auf die Straße, in allen 31 Provinzen des Landes.
Historische Konstante
Seit der Islamischen Revolution von 1979, mit der eine theokratische Diktatur errichtet wurde, leisten Menschen immer wieder Widerstand. Die ersten Demonstrationen fanden bereits am 8. März 1979, dem internationalen feministischen Kampftag, statt. Zehntausende Frauen gingen damals gegen die neu eingeführte Hijab-Pflicht auf die Straße. Diese wurde zu einem zentralen Pfeiler des islamistischen Systems, das bis heute Frauen-, LGBTQ- und Minderheitenrechte massiv einschränkt.
Frauen gelten rechtlich als Bürgerinnen zweiter Klasse: Ihre Aussagen vor Gericht wiegen weniger als die von Männern, sie dürfen ohne Zustimmung eines männlichen Vormunds nicht reisen, und im Scheidungsfall wird das Sorgerecht zunächst dem Mann zugesprochen. Dieses System wird zunehmend als Gender-Apartheid bezeichnet – eine staatlich verordnete systematische Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, vergleichbar mit der Situation in Afghanistan.
Während frühere Protestbewegungen, etwa 1999 oder 2009, noch auf Reformen setzten, rücken seit 2017 offen Forderungen nach dem Sturz des Regimes in den Vordergrund. Neben Frauen- und LGBTQ-Rechten beziehen sich Protestierende dabei auf die wachsende Inflation und Armut, ausgelöst durch Sanktionen, aber auch Misswirtschaft und Kleptokratie, Wasserknappheit und weitere ökologische Krisen. Dieser gesellschaftliche Unmut verdichtete sich besonders während der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung 2022. Schon Monate zuvor häuften sich Berichte über Gewalt an Frauen durch die Sittenpolizei. Der Tod von Jina (Mahsa) Amini brachte das Fass schließlich zum Überlaufen.
Ein Ruf über Grenzen hinweg
Als Bilder von Aminis reglosem Körper verbreitet wurden, entlud sich die Wut landesweit. Besonders in ihrer Heimatstadt Saqqez verwandelte sich Trauer in offenen Widerstand. Frauen legten ihre Kopftücher ab, schnitten sich im Rahmen von Trauerritualen die Haare ab und riefen „Jin, Jiyan, Azadi“ – Frau, Leben, Freiheit. Der Slogan stammt aus der kurdischen Frauenbewegung der 1980er-Jahre und wurde zu einem verbindenden Leitmotiv weit über den konkreten Anlass hinaus.
Parallel zu den Protesten im Iran intensivierten sich Anfang 2026 die militärischen Angriffe auf Rojava, die kurdische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien. Bombardierungen und Drohnenangriffe durch die syrische HTS-Übergangsregierung und die Türkei richteten sich zunehmend gegen zivile Infrastruktur, Frauenzentren und politische Einrichtungen. In Rojava ist „Jin, Jiyan, Azadi“ gelebte Praxis: Frauen sind institutionell an Macht beteiligt, organisieren Selbstverwaltung, Justiz und soziale Versorgung. Genau dieses Modell stellt eine existentielle Bedrohung für autoritäre, patriarchale und islamistische Regime in der Region dar.
Kurdische Frauen im Iran stehen an der Schnittstelle dieser Kämpfe – als Protestierende gegen die Islamische Republik Iran und als Kämpferinnen in Rojava. Auch dieses Mal spielen Haare eine Rolle: in den letzten Wochen verbreiteten sich in sozialen Medien eine Welle von Bildern kurdischer Frauen, die ihre Haare zu Zöpfen flechten. Eine direkte Reaktion auf ein viral gegangenes Video, in dem ein Kämpfer der syrischen HTS-Übergangsregierung den abgeschnittenen Zopf einer getöteten kurdischen Kämpferin vorführt.
Der Fortbestand von „Frau, Leben, Freiheit“
In den aktuellen Protesten in Iran besteht die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung fort. Sie werden nicht von einer einheitlichen Ideologie oder Führung getragen, sondern von einer Gesellschaft, die durch patriarchale, staatliche Gewalt, Armut und ökologische Krisen gekennzeichnet ist und gleichzeitig einen gemeinsamen Wunsch nach einem würdevollen, lebbaren Leben hat. Besonders ist für diese Proteste auch, dass politische, soziale und ethnische Trennlinien zeitweilig aufgehoben sind. Menschen unterschiedlicher Generationen, Klassen und Hintergründe treten gemeinsam im kollektiven Widerstand auf.
Dass der Geist der Bewegung von 2022 selbst unter Bedingungen von Internetabschaltungen und massiver Repression fortbesteht, zeigt der letzte bekannte Online-Post der 23-jährigen Studentin Raha Bohloulipour aus Teheran: „Ich habe mich für einen Moment mit dem Internet verbunden und möchte nur schreiben: Frau, Leben, Freiheit – für immer.“
Sara Mohammadi ist Journalistin, Aktivistin und Teil von Javaneh, einem antifaschistischen, feministischen Kollektiv in Wien, bestehend aus Iraner_innen, Kurd_innen und Afghan_innen in der Diaspora.