Die Jugend-geführte Initiative Queer Kasachstan setzt sich unter einem zunehmend autoritären Regime für die Menschenrechte von LGBT-Personen in Kasachstan ein. TEMIRLAN BAIMASH hat sie mitgegründet.
Interview: ANDREEA ZELINKA
Wann und warum habt ihr eure Initiative gestartet?
2022 haben wir am Internationalen Tag gegen Homophobie ein Event für queere Menschen organisiert. Rund 100 Leute haben sich dafür registriert. Obwohl Queers attackiert werden, Repression erleben, manchmal Folter oder sogar Konversionsbehandlungen, wollten so viele dabei sein. Gemeinschaft und ein Gefühl der Zugehörigkeit sind wichtig. Da wir Queer im Namen tragen, können wir uns aber leider nicht offiziell als NGO registrieren.
Was macht Queer Kasachstan?
Wir organisieren Bildungsveranstaltungen, etwa über sexuelle Aufklärung und mentale Gesundheit. Außerdem betreiben wir Advocacy, weil wir langfristig die queere Community ermächtigen und uns international und innenpolitisch engagieren möchten.
Wie sicher ist es für euch, diese Events zu organisieren?
Es ist überhaupt nicht sicher. Wir wurden bereits mehrmals attackiert, und ich stehe vor einem Strafverfahren. Wir waren zu Beginn eine kleine Gruppe, doch wir sind gewachsen. Auf Instagram haben wir über 3.800 Follower. Anti-LGBT und homophobe Gruppen greifen uns an, oft mit der Unterstützung durch die Polizei, die versucht, uns einzuschüchtern, und Gewalt anwendet. Sie behandeln uns wie Terrorist_innen.
Warum hat die kasachische Regierung 2025 ein Anti-LGBT-Propaganda-Gesetz verabschiedet?
Das Gesetz folgt dem Beispiel Russlands. Bereits 2015 wurde versucht, ein solches Gesetz umzusetzen, doch vom Verfassungsgericht abgelehnt. Die EU und USA hatten dabei großen Einfluss, weil Kasachstan die Olympischen Spiele austragen wollte. Damals haben die USA noch Menschenrechte und LGBT-Rechte promotet. Das ist seit Trumps Präsidentschaft nicht mehr so. Auch die EU ist nachgiebiger geworden, da sie seit dem russischen Angriffskrieg kritische Mineralien, Öl und Gas aus Kasachstan importiert.
Was beinhaltet das Anti-LGBT-Gesetz, und wie wirkt es sich auf euch aus?
Es wird sich auf alles auswirken. Es ist sehr vage formuliert und ermöglicht Bußgelder, Festnahmen und Untersuchungshaft. Alles, was LGBT-Personen positiv porträtiert, aber auch neutrale Information ist verboten. Das heißt, im Grunde kann nur noch negative und homophobe Information verbreitet werden. Wir wissen es aus Ländern wie Russland: das ist nur der Anfang. Bald werden sie LGBT generell verbieten.
Wie ist allgemein die Situation in Bezug auf Menschenrechte?
Es ist schrecklich, was in Kasachstan passiert. Wir haben ein Problem mit Folter, Korruption und Diktatur. 2022 hatten wir riesige Proteste, und das Internet wurde abgeschaltet, so wie es dieses Jahr im Iran der Fall war. Die Regierung hat tausende Menschen getötet und ohne Warnung auf sie schießen lassen. Wir haben keine Rechtsstaatlichkeit, es gibt keinen Respekt vor Menschenrechten. Wir konzentrieren uns auf LGBT-Rechte, aber die Probleme, die wir als LGBT-Community haben, haben auch andere, die sich für Frauenrechte und gegen Folter einsetzen.
Wie können wir mit euch solidarisch sein?
Ihr könnt euren Politiker_innen in der Gemeinde, im Parlament und in der EU schreiben und sie dazu auffordern, sich für LGBT-Personen in Kasachstan einzusetzen. Ihr könnt euch dafür einsetzen, dass es für Menschenrechtsaktivist_innen aus Kasachstan, die politisch verfolgt werden, einfacher ist, eine Aufenthaltsgenehmigung in der EU zu erhalten. Aber die Hauptsache ist Solidarität, darüber zu sprechen und zu schreiben ist wirklich wichtig.
Hörtipp: Das ganze Gespräch kann hier nachgehört werden.
Temirlan Baimash studiert Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen, ist Menschenrechtsaktivist aus Kasachstan und Co-Gründer der Jugendinitiative Queer Kasachstan.
Andreea Zelinka ist Redakteurin der frauen*solidarität.