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Hinschauen reicht nicht aus

Ein Artikel von:
Meret Weber

Auch im dritten Jahr nach Kriegsbeginn wird noch viel zu selten über den Sudan berichtet. MERET WEBER erklärt, warum das mit einem kolonialen Blick auf Afrika zu tun hat und wie eine solidarische Praxis aussehen könnte.

Am 9. Januar 2026 waren es genau 1000 Tage seit Kriegsbeginn im Sudan. 1000 Tage Krieg, der sich zur aktuell größten Flucht-, Hunger- und Gesundheitskrise weltweit entwickelt hat. Die Lage im Land ist nach fast allen Maßstäben einer der gefährlichsten und gewaltvollsten Kontexte der letzten Jahre – und doch bleibt Berichterstattung über den Sudan in westlichen, speziell deutschsprachigen Medien eine Ausnahme. Wenn es doch ein Text in die Zeitungen, ein Bericht in die Nachrichten schafft, dann fast immer mit den gleichen Begriffen: Bürgerkrieg, vergessener Krieg, humanitäre Katastrophe. Dazu Bilder von hungernden, blank in die Kamera schauenden Kleinkindern und Frauen.

Der Blick auf Afrika

Es ist keine neue Entwicklung. Eine Langzeitstudie des European Journalism Observatory wertete deutschsprachige Berichterstattung von 2007 bis 2024 aus – „Afrika“ fand fast gar keine Erwähnung. In einer weiteren Studie zu Tagesschau-Beiträgen befassten sich nur um die drei Prozent der Sendungen mit afrikanischen Staaten oder Personen. Zahlreiche Journalist_innen, Schriftsteller_innen und Medienwissenschaftler_innen weisen schon lange darauf hin, dass es innerhalb dieser Berichterstattung eigentlich nur zwei Erzählansätze gibt:

Entweder es wird ausschließlich über Krieg, Krisen und Katastrophen gesprochen, sodass diese drei Ks schon fast als natürliche Zustände erscheinen. Oder es werden einzelne Aufstiegs- und Erfolgsgeschichten begleitet, die z. B. technologische Innovation oder kreative Start-Ups als faszinierende Ausnahmeerscheinung präsentieren.

Im Kontext vom Sudan herrscht nun aber tatsächlich Krieg – dass sich darauf konzentriert wird, ist mehr als nachvollziehbar. Umso drängender stellt sich also die Frage, wie berichtet wird. In kritischen Beiträgen zu mangelnder Berichterstattung, insbesondere auf Social Media, wird vor allem gefordert, mehr zu berichten – öfter hinzuschauen, Sudan nicht zu vergessen, mehr über den Krieg zu sprechen.

Doch wenn die bisherigen Gewohnheiten der Afrika-Berichterstattung aufrechterhalten bleiben, reicht das nicht aus. Mehr Leidgeschichten, mehr Bebilderung entlang kolonialer Blicke der Hilflosigkeit sind ja schon eine Art hinzuschauen. Wenn es aber um eine Auseinandersetzung mit den Ursprüngen des Kriegs, vielleicht sogar mit den Bezügen und Verantwortlichkeiten für uns als Leser_innen und politisch handelnde Menschen in Europa geht, kann das nicht genügen. Dann braucht es eine grundlegende Kritik daran, wie sich historische und politische Dynamiken in Bezug auf den afrikanischen Kontinent in der journalistischen Berichterstattung auswirken.

Was fehlt

Wenn z. B. Gesprächspartner_innen aus westlichen Thinktanks und Hilfsorganisationen nach Analyse und Einschätzungen gefragt werden, Sudanes_innen vor Ort aber vor allem nach ihrem Leid, dann verstärkt das genau diese ungleichen Dynamiken. Sudanes_innen selbst erscheinen als hilfsbedürftige, passive, zu rettende Menschen – Menschen, deren eigene Expertise weniger medialen Wert hat als ihre traumatischen und brutalen Erfahrungen als Betroffene.

Das kommt auch darin zum Ausdruck, wenn die Lage im Sudan als Bürgerkriegbezeichnet wird. Das ist unter sudanesischen Wissenschaftler_innen, Journalist_innen und Aktivist_innen stark umstritten. Wie die Autorin Yassmin Abdel-Magied anmerkt, kann dieser Krieg nicht ohne die vorhergehende Revolution verstanden werden. Ab Dezember 2018 gingen im ganzen Land Menschen auf die Straße, protestierten und organisierten sich.

Nachbarschaftskomitees, Gewerkschaften und politische Organisationen entwickelten geteilte Forderungen, eine Vision eines selbstbestimmten, demokratischen Landes. Arbeitende Frauen in den landwirtschaftlichen Hochburgen des Landes leiteten die Proteste ebenso an wie Studentinnen in Khartoum. Bei den größten Protestwellen machten Frauen nach einigen Schätzungen über 70 Prozent der Teilnehmenden aus – und schafften es, dreißig Jahre Diktatur unter Bashir zum Stürzen zu bringen.

Auf die Revolution folgte der Versuch einer Übergangsregierung, darauf ein Militärcoup und schließlich seit 2023 der Krieg, der sich explizit auch gegen die Aktivist_innen und Forderungen der Revolution richtet. Angeleitet wird er von der sudanesischen Armee und den Rapid Support Forces (RSF), einer paramilitärischen Struktur, die unter Bashir als privater Auswuchs des Militärs schon in den frühen 2000ern an den Massenverbrechen in Darfur beteiligt waren.

Diese beiden Kriegsparteien begingen 2021 den Militärcoup, da eine erfolgreiche Revolution für sie einen kompletten Verlust von wirtschaftlicher und politischer Macht bedeutet hätte. Erst indem diese Strukturen gemeinsam als Akteure gegen die Bevölkerung verstanden werden, wird deutlich, warum dieser Krieg in erster Linie kein Bürgerkrieg ist, sondern vor allem als konterrevolutionäre Entwicklung benannt werden sollte.

Die Revolution nicht vergessen

Auch die vielen Formen des Widerstands finden wenig Erwähnung, wenn lokale Akteur_innen nicht in die Berichterstattung eingebunden werden. Während der Revolution bildeten sich im gesamten Land Nachbarschafts- und Widerstandskomitees, die kollektiv Proteste organisierten, politische Forderungen formulierten und eine revolutionäre Infrastruktur bauten: Schulen, Krankenhäuser, Bäckereien, deren Ressourcen gemeinsam organisiert und verteilt wurden.

Viele dieser Komitees blieben auch nach Kriegsbeginn bestehen, die sogenannten Emergency Response Rooms entwickelten sich aus den Nachbarschaftskomitees heraus, und sie sind es, die auch unter den gefährlichsten Umständen als einzige Medikamente in belagerte Orte transportieren und somit irgendeine Form des Überlebens ermöglichen.

Eine Berichterstattung, die die Revolution nicht vergisst, die mit Akteur_innen vor Ort und in der Diaspora spricht, könnte das grundlegende Verständnis des Kriegs ändern: Wenn stets nur über die zwei Generäle der Armee und der RSF berichtet wird oder mit einzelnen Leiter_innen externer Hilfsorganisationen, dann verstärkt das die Annahme, nur von ihnen – von oben oder von außen – könnte ein Ausweg aus dem Krieg kommen. Was die Revolution und die vielen Formen, in der sie weiterlebt, jedoch deutlich machen, ist, dass Veränderung, die tatsächlich für Sicherheit, Befreiung und eine andere Zukunft streitet, von unten kommen muss.

Was müsste sich ändern?

Allein sudanesische Journalist_innen, Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen ernstzunehmen, nicht nur als hilfsbedürftige Betroffene, sondern auch als heterogene, oft widerständige politische Akteur_innen zu verstehen und darzustellen, könnte ein erster großer Schritt zu einer besseren Berichterstattung sein. 

Die Frage, in welchen Zusammenhängen dieser Krieg stattfindet, wäre der nächste Schritt hin zu einer solidarischen Auseinandersetzung. Auch hier ist die Arbeit, die bereits von sudanesischen Journalist_innen und Wissenschaftler_innen, von politischen Kollektiven im Land und in der Diaspora gemacht wird, wegweisend. Atar News oder Radio Dabanga halten seit Kriegsbeginn ihre Berichterstattung aufrecht, auch während Internet-Blackouts und Phasen, in denen externe Journalist_innen nicht ins Land konnten.

Auch die Wissenschaftlerin und Aktivistin Nisrin Elamin, Professorin an der University of Toronto und Mitgründerin des Sudan Solidarity Collective, führt in ihrer Arbeit aus, wie globale Wirtschaftsinteressen und der Handel von Ressourcen wie Gold den Krieg weiter befeuern.  Und seit Jahren berichten solidarische Organisationen in Griechenland von der massiven Kriminalisierung, die junge sudanesische Geflüchtete an den EU-Außengrenzen erfahren.

Genau hier kann angeknüpft werden. Denn zuletzt heißt eine solidarische Auseinandersetzung nicht nur, mehr zu lernen, sondern auch konkrete Maßnahmen zu entwickeln: ob gegen die Kriminalisierung von Geflüchteten, im Protest gegen Militarisierung und Waffenexporte oder durch den Fokus auf die Handelsrouten und Drittländer, durch die sich Kriegsparteien weiterhin finanzieren und bewaffnen.

Meret Weber ist freie Autorin und Volontärin der Berlin Review. Sie schreibt zu antirassistischen und feministischen Themen. Zur sudanesischen Revolution machte sie 2024/25 ihren Master an der University of Oxford.