Demokratie lebt von echter Beteiligung – Diversität allein genügt nicht: Es braucht ernstzunehmende Mitsprache. Wie gezielte Beteiligung von Frauen aussehen kann, beschreibt CORNELIA PERLE anhand der weltweit ersten Bürger_innenräte nur für Frauen, die derzeit in Budapest organisiert werden.
„Wenn wir auf eine Party alle Gesellschaftsgruppen einladen, ist das Diversity. Wenn wir sie dann auf der Party zum Tanzen auffordern, ist das Inklusion. Aber das ist nicht genug – wir müssen Frauen, Minderheiten, ausgegrenzte Personen einladen, die Party mitzuorganisieren! Wir brauchen radikale Inklusion“, so brachte es Fatima Zibouh auf den Punkt. Die Politikwissenschaftlerin und Inklusionsexpertin aus Marokko hielt die Eröffnungsrede beim diesjährigen Treffen von Democracy R&D, einem Netzwerk zur Stärkung und Weiterentwicklung von Bürger_innenräten als politisches Beteiligungsformat. Bürger_innenräte gewinnen global immer mehr an Bedeutung und werden ständig verbessert und weiterentwickelt, um eine breitere, tiefere und längerfristige Mitsprache bei politischen Entscheidungsprozessen zu gewährleisten. Mit Stand 2024 hatte die OECD weltweit mehr als 800 Bürger_innenräte dokumentiert, seither ist die Zahl sowohl auf lokaler als auch nationaler Ebene weiter stark gestiegen.
Kollektives Wissen
Das Format ist einfach: Über ein Lotterieverfahren, basierend auf einem Algorithmus, der die soziodemografische Zusammensetzung einer Bevölkerung widerspiegelt, werden Bürger_innen ausgewählt und eingeladen, in moderierten Gruppen und mehrtägigen Sitzungen, meist zu kontroversiellen Themen wie Abtreibung, Sterbehilfe oder gleichgeschlechtliche Ehe oder zu komplexen Themen wie Asylpolitik oder Klimawandel Empfehlungen auszuarbeiten. Diese werden dann von den auftraggebenden Stellen – z. B. Bürgermeister_innen, Ministerien oder Regierungen – in die Entscheidungsfindung einbezogen und im Idealfall direkt umgesetzt.
Das Format nützt das umfangreiche Alltagswissen, die vielfältigen Erfahrungen und die kollektive Weisheit einer Gruppe von unterschiedlichen Menschen, soziale Herkunft, Geschlecht und Alter betreffend, welche in dieser Vielfalt und Tiefe weder in Expert_innen- noch in Parteigremien vorhanden sind. Ziel ist es, langfristige Lösungen für komplizierte Problemstellungen zu finden oder eine Entscheidung in einem polarisierten Umfeld herbeizuführen, mit der die meisten Menschen gut leben können.
Weltweit ein Novum
Eva Bördös, Direktorin von DemNET Ungarn und Mitglied von Democracy R&D, hat viel Erfahrung mit der Organisation von Bürger_innenräten. Sie koordinierte 2021 den ersten Bürger_innenrat in Ungarn in Èrd. Im Auftrag des Europarates organisierte sie 2023 in der Ukraine die weltweit ersten Bürger_innenräte unter Kriegsbedingungen. Seit Juni 2025 koordiniert sie in den Budapester Bezirken Buda und Terézváros wieder ein Novum: die weltweit ersten Bürger_innenräte, ausschließlich von Frauen für Frauen zu frauenspezifischen Themen.
Frauen sind in der ungarischen Politik und im öffentlichen Leben deutlich unterrepräsentiert. Im Parlament beträgt ihr Anteil nur 14,6 % – einer der niedrigsten Werte in der EU. Auch auf lokaler Ebene sind Frauen selten in Führungspositionen, und ihre Perspektiven fehlen oft in öffentlichen Konsultationen. Strukturelle Hürden wie Betreuungsverpflichtungen, geringeres Einkommen und Selbstvertrauen erschweren es Frauen, politisch aktiv zu werden. Durch die Bürger_innenräte sollen Frauen explizit in lokale Entscheidungsprozesse mit einbezogen und ihre Perspektive sichtbar gemacht werden.
Unterschiedliche Bedürfnisse
Laut Gergely Őrsi, dem unabhängigen Bürgermeister von Buda, fehlen bei Bürger_innentreffen vor allem zwei Gruppen: Frauen und junge Menschen. Trotz Maßnahmen wie der Einführung geschlechtersensibler Budgetierung oder der Teilnahme an der UN-Kampagne HeForShe änderte sich das kaum – ein Anlass also, einen Bürger_innenrat zu organisieren, der gezielt Frauen einlädt. Frauen sind die Hauptnutzerinnen lokaler Dienstleistungen wie Kinderbetreuungs-, Gesundheits- oder Pflegeeinrichtungen. Ihre Perspektiven und Verbesserungsvorschläge sind essentiell für positive Veränderungen, von denen die gesamte Gesellschaft profitiert.
Studien zeigen zudem, dass Männer und Frauen Städte unterschiedlich nutzen: Frauen legen öfter kurze Wege mit mehreren Zielen zurück, sichere Beleuchtung, Transport und Barrierefreiheit sind für sie von besonderer Bedeutung. Daher hat auch Tamás Soproni, Bürgermeister von Terézváros und Oppositionspolitiker, beschlossen, zur Gestaltung öffentlicher Räume und kommunaler Dienstleistungen die Empfehlungen von einem Frauenrat einzuholen.
Diversität und Inklusion
Für die Auswahl der Bürger_innen wurden 12.000 Haushalte in Buda und 14.000 in Terézváros angeschrieben. Insgesamt registrierten sich 621 Frauen (320 in Buda, 301 in Terézváros). Von ihnen wurden jeweils 46 Mitglieder und 6 Ersatzmitglieder durch Losverfahren ausgewählt, um eine repräsentative Zusammensetzung nach Alter, Bildung, Kinderzahl und Wohnort zu gewährleisten.
Die jeweils drei zweitägigen Präsenztreffen werden von speziell geschulten Moderatorinnen geleitet und dokumentiert. Neben dem inhaltlichen Austausch bieten die Treffen einen geschützten Raum, um sensible Themen wie Belästigung, häusliche Gewalt oder Zugang zu Krisenhilfe anzusprechen. Die reinen Frauengruppen erleichtern offene Gespräche und schaffen das notwendige Vertrauen, um Lösungen explizit aus Frauenperspektive zu formulieren. Parallel wurde ein Workshop für Männer organisiert, dessen Ergebnisse im Frauenrat präsentiert und diskutiert werden.
Positives Feedback
Konkrete Ergebnisse wurden noch nicht veröffentlicht, positive Rückmeldungen gab es aber schon zahlreiche, nicht nur von Teilnehmerinnen. „Nachdem interessierte Frauen bei ihren Bezirksvertretungen angefragt hatten, warum es in ihrem Bezirk keinen Frauenrat gibt, wurde ich bereits von zwei weiteren Stadtverwaltungen für Informationsgespräche eingeladen“, freut sich Eva Bördös. „Die Begeisterung der Teilnehmerinnen ist die beste Werbung und bestätigt, dass Frauenräte eine effektive Form der Mitbestimmung sind.“
Aber nicht nur Bürger_innen sind begeistert. Nóra Kiss, Beraterin von Bürgermeister Őrsi ist überzeugt: „Inklusion und Partizipation sind nie schnell und einfach zu erreichen, aber die Investition zahlt sich aus. Wir sind stolz, dass unser Bezirk diese Initiative gestartet hat. Es ist der Beginn einer neuen Denkweise, in der Partizipation und Inklusion neu bewertet werden.“ Im Dezember 2025, nach den letzten Treffen, werden die Empfehlungen der Frauen den jeweiligen Bürgermeistern vorgelegt. Beide haben sich zu Beginn des Prozesses in einer Pressekonferenz verpflichtet, auf die Empfehlungen zu reagieren und diese als politisch bindend zu betrachten. Es bleibt zu hoffen, dass sie ihre Versprechen halten.
Ermutigend ist, dass sich innovative Beteiligungsformen – mit Vor- und Umsicht – auch in einem zunehmend autoritär regierten Land wie Ungarn umsetzen lassen und so von der Basis aus demokratische Strukturen gestärkt werden.
Cornelia Perle ist im Vorstand der Frauen*solidarität und freiberufliche Beraterin für partizipative und deliberative Demokratie, Frauenrechte und Konflikttransformation.