Indigene Frauen weltweit kämpfen für Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und den Schutz ihrer Territorien. LENNY ESPINOZA und AGUEDA COLQUE aus Bolivien sprachen mit MARLENE WISSKIRCHEN über Empowerment von Frauen innerhalb indigener Communitys und welche Rolle dabei internationale Vernetzung spielt.
Was sind Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Lenny Espinoza (LE): Ich arbeite für CERDET, das Zentrum für regionale Entwicklungsstudien in Tarija. Meine Arbeit konzentriert sich auf die Unterstützung und Begleitung indigener Völker in verschiedenen Bereichen, wie der Wassergewinnung oder der ökologischen Landwirtschaft. Beim Thema Frauenrechte arbeite ich vor allem mit dem Volk der Weenhayec zusammen. Wir wollen die Frauen empowern und mit unserer Arbeit dazu beitragen, dass sie sich mehr Führung zutrauen.
Agueda Colque (AC): Ich arbeite beiISALP, Sozialforschung und Rechtsberatung in Potosí. Unsere Arbeit teilt sich in zwei Bereiche auf: die rechtliche Unterstützung und die Stärkung einer selbstbestimmten ethnischen Identität. Ziel unserer Arbeit ist es, eine Kultur des Friedens zu fördern – mit einem Schwerpunkt auf den indigenen Völkern. Auch für uns ist die Arbeit mit Frauen sehr wichtig. Wir führen spezifische Aktivitäten mit indigenen Frauen sowie mit Frauen aus der Region durch. Dabei steht die Gewaltprävention im Vordergrund. Ich selbst bin auch eine indigene Frau.
Warum ist es besonders wichtig, Frauenrechte innerhalb indigener Kämpfe zu adressieren? Welche Strategien nutzt ihr, um indigene Frauen zu empowern?
LE: Ein großes Problem ist die strukturelle Benachteiligung indigener Frauen, die – je nachdem welchem Volk sie angehören – unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Während Guaraní-Frauen selbstbestimmt sind und sich in der Führung mit Männern abwechseln, dominieren bei den Weenhayec die Männer das gesamte Regierungssystem. Zudem sprechen die meisten Weenhayec-Frauen kaum bis sehr wenig Spanisch. Auch der fehlende Zugang zu Technologie schränkt sie ein. Oft gibt es in der Familie nur ein einziges Handy, über das der Mann bestimmt. Das erschwert es den Frauen, soziale Kontakte zu halten. In den letzten drei Jahren haben wir uns besonders mit der Stärkung von Führungsqualitäten der Frauen beschäftigt. Wir wollten Weenhayec-Frauen darin bestärken, sich für ihre Rechte einzusetzen, doch viele hatten anfangs Angst vor den Reaktionen der Männer und zeigten wenig Interesse. Deshalb gründeten wir einen Verein für Kunsthandwerk, da dieser Bereich als „Frauensache“ galt. Dort konnten sich die Frauen frei austauschen und ihre Meinung äußern. Anfangs wollte niemand Verantwortung übernehmen, später begannen sich die Frauen um Führungsrollen zu streiten.
AC: Ein wichtiger Punkt, an dem wir gemeinsam arbeiten müssen, ist das Selbstwertgefühl der Frauen. Man sieht es in Versammlungen: Da sind vielleicht zehn Frauen und ein Mann, aber es redet der Mann und nicht die Frauen. Dennoch erobern die Frauen nach und nach Räume, und die Männer geben diese Räume ab. Wir sensibilisieren Männer dafür und arbeiten am Selbstwertgefühl der Frauen, mit dem Ziel, dass Männer und Frauen jeweils auf ihre Art wertgeschätzt werden. Diese Arbeit ist ein fortwährender Prozess.
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