Im Netzwerk Afrique-Europe-Interact setzen sich Migrant_innen und Aktivist_innen aus Afrika und Europa für globale Bewegungsfreiheit ein. MARIEM ABDALLAH (Aktivistin aus Tunesien) und ANNE KÜHNE (Afrique-Europe-Interact Wien) im Gespräch mit BERNADETTE SCHÖNANGERER.
Was ist Afrique-Europe-Interact, und wofür setzt ihr euch ein?
Anne Kühne (AK): Mit Afrique-Europe-Interact setzen wir uns sowohl für das Recht zu bleiben als auch für das Recht zu gehen ein. Wir beteiligen uns an sozialen Kämpfen in verschiedenen afrikanischen Ländern und engagieren uns für Bewegungsfreiheit für alle. Während wir beobachten, wie die Politik der Europäischen Union immer restriktiver wird, erleben wir gleichzeitig einen Aufstieg der extremen Rechten. Wenn wir das Sterben in der Wüste und im Mittelmeer und all die Gewalt sehen, die derzeit gegen People on the move ausgeübt wird, liegt es in unserer Verantwortung, darüber zu sprechen und politisch einzugreifen. Denn es ist diese Politik, die ein riesiges Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht.
Wie sieht eure Arbeit in der Praxis aus? Wie organisiert ihr euch?
AK: Mariem und ich haben uns schon bei mehreren transnationalen Treffen getroffen. Zum Beispiel beim Trans Border Camp in Nantes, bei einem Treffen des befreundeten Netzwerks Alarm Phone im senegalesischen Dakar oder erst kürzlich, im Oktober auf unserer Konferenz in Rabat in Marokko. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit besteht darin, als transnationales Netzwerk zusammenzukommen, Aktivist_innen aus verschiedenen Regionen zu treffen, Allianzen zu bilden und gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie wir uns etwa gegen das EU-Grenzregime wehren können.
Mariem Abdallah (MA): Dabei geht es auch darum, das Netzwerk weiter auszubauen – vor allem weil die Grenzen jedes Jahr weiter außerhalb Europas verlagert werden und die Zahl der Menschen auf der Flucht sowie die der Schutzbedürftigen steigt. Gleichzeitig werden die Wege immer vehementer versperrt – und das führt dazu, dass es mehr Tote und mehr Gewalt gegen Menschen gibt, die ihr Recht ausüben wollen, sich frei zu bewegen.
Welche Projekte setzt ihr im Netzwerk um?
AK: Es gibt zum Beispiel das Maison Baobab, das Rasthaus für Frauen on the move in Marokko. Ein sicherer Ort, wo sie sich ausruhen und orientieren können, wenn sie nach der oft sehr gefährlichen und brutalen Route durch die Sahara in Marokko ankommen. Sie erhalten medizinische Unterstützung, zum Beispiel auch bei Geburten. Viele Frauen kommen schwanger oder mit Kindern an. Außerdem werden Workshops und Kurse angeboten, etwa Nähkurse, um sich in Rabat einen Lebensunterhalt aufbauen zu können. Dann gibt es das Alarm Phone Sahara in Niger, an der Grenze zu Algerien, die Menschen suchen und retten, die beim Versuch, die Sahara zu durchqueren, in Schwierigkeiten geraten sind. Sie dokumentieren die Gewalt an den Grenzen und Todesfälle in der Sahara. Dabei geht es auch darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass so viele Menschen in der Wüste sterben, ohne dass darüber gesprochen wird. Denn die Zahl der Todesfälle wird nicht offiziell erfasst, und die Betroffenen werden nicht identifiziert. Außerdem leistet Alarme Phone Sahara praktische Unterstützung für Menschen, die in großen Konvois von Algerien oder Libyen nach Niger abgeschoben werden. Viele Menschen kommen schwer verletzt an, darunter viele Frauen, die sexualisierte Gewalt oder Ausbeutung erlebt haben. Für sie organisiert Alarme Phone Sahara zum Beispiel eine Gemeinschaftsküche, wo sie sich treffen und austauschen können und auch psychologische und medizinische Ersthilfe erhalten.
Auf einer Konferenz unter dem Motto „Wir migrieren, um zu leben, nicht um zu sterben“ wurde im Oktober 2025 das 10-jährige Bestehen des Maison Baobab und das 20-Jahr-Jubiläum von ARCOM, einer von Migrant_innen gegründeten Organisation zur Verteidigung ihrer Rechte, gefeiert. Ihr habt beide teilgenommen, was waren eure Eindrücke?
AK: Für die Konferenz haben sich etwa 300 Menschen in Rabat versammelt. Unter den Redner_innen und Organisator_innen sowie Teilnehmenden waren überwiegend Migrant_innen. Es nahmen unter anderem Aktivist_innen aus Mali, Niger, Senegal, Marokko und Tunesien sowie auch Deutschland, Frankreich und Österreich teil. Es ging darum, Wissen und Erfahrungen darüber auszutauschen, womit die Menschen auf den Migrationsrouten konfrontiert sind. Wir versuchen gemeinsam darüber nachzudenken, wie Widerstand möglich ist – nicht nur praktische Unterstützung, sondern auch wie wir das Bewusstsein über diese Gewalt an den Grenzen schärfen können. Und natürlich haben wir auch Freundschaften gefunden und einfach gemeinsam gefeiert.
MA: Wir haben mehr darüber erfahren, wie ARCOM es geschafft hat, sich zu organisieren, Verbindungen zu internationalen Organisationen aufzubauen und besonders schutzbedürftige Menschen zu unterstützen, die keinen Aufenthaltsstatus haben. Dass an der Organisation der Konferenz auch marokkanische Jugendliche beteiligt waren, war etwas ganz Besonderes. Jugendliche, die ursprünglich aus Rabat stammen und sich solidarisch mit ihren Freund_innen, mit Migrant_innen aus Subsahara-Afrika, zeigen. Sie haben gemeinsam ein Kulturprogramm organisiert und über Malerei, Theater und Poesie ihre Gefühle zum Ausdruck gebracht. Beeindruckend zu sehen war auch, wie die Frauen des Maison Baobab sich einbrachten und die Konferenz mitorganisierten. Obwohl es in Marokko – ebenso wie in Tunesien – starken Rassismus gegen Schwarze Menschen gibt, hat ARCOM es geschafft, so viele Menschen in Solidarität zusammenzubringen.
Wie ist die Situation für Migrant_innen in Tunesien?
MA: Seit 2023 ist die Lage wirklich sehr gefährlich geworden. Mit seiner Rede im Februar 2023 hat Präsident Kais Saied die Stimmung gegen Schwarze Migrant_innen weiter angeheizt – das trifft natürlich auch Schwarze Tunesier_innen. Um helfen zu können, müssen wir uns verstecken, denn die tunesische Regierung hat die Unterstützung von Migrant_innen unter Strafe gestellt. Immer wieder werden Menschen unter dem Vorwurf des Terrorismus verhaftet, weil sie Geflüchtete unterstützen. Die Grenzen wurden geschlossen. Es gibt in Tunesien keine Möglichkeit mehr, Asyl zu beantragen. Auch das UNHCR musste die Arbeit 2024 weitgehend einstellen. In Tunesien dürfen geflüchtete Menschen keiner Arbeit nachgehen und bekommen keine Grundversorgung. Wir versuchen, provisorische Unterkünfte für sie zu finden, in denen sie Schutz erhalten. Sie können nicht ins Krankenhaus gehen, weil sie befürchten müssen, direkt von dort abgeschoben zu werden. Daher organisieren wir medizinische Versorgung, zum Beispiel für schwangere Frauen. Das ist oft ihre einzige Möglichkeit, unter sicheren Bedingungen zu gebären.
AK: Deshalb haben wir kein offizielles Projekt in Tunesien, weil es so stark kriminalisiert wird. Es passiert alles im Verborgenen. Kais Saied führt einen sehr rassistischen Diskurs gegen Schwarze Migrant_innen. Und gerade in diesem gefährlichen und hasserfüllten Klima hat die Europäische Union ein großes Migrationsabkommen mit Saied geschlossen und zahlt Millionen Euro, damit Tunesien Menschen auf der Flucht aufhält. Wir wissen, dass Menschen in die Wüste abgeschoben werden und dort sterben. Die tunesische Polizei führt das aus, was die Migrationspolitik der EU anstrebt: Menschen aufzuhalten, bevor sie europäische Grenzen erreichen. Es gibt keinen Schutz der Menschenrechte. Die EU weiß nicht nur von diesen Verbrechen, sie bezahlt sogar dafür und unterstützt sie mit ihrer Externalisierungspolitik.
Was hat sich durch das neue Migrationsabkommen mit der EU verändert?
MA: Die EU investiert in Tunesien riesige Geldsummen für den Grenzschutz, zum Beispiel in Drohnen und Kampfausrüstung. Das Ziel ist klar: Es sollten keine Migrant_innen nach Europa gelangen. Wenn die Polizei ihre Boote abfängt, werden sie bedroht, geschlagen und wieder zurückgeschickt. Oder schlimmer: sie nehmen ihnen den Motor und ihre Telefone ab und überlassen sie dem Tod. Fischer_innen ist es strengstens verboten, Personen an Bord zu nehmen. In tunesischen Gefängnissen werden sie geschlagen und gefoltert und dann nach Libyen gebracht, wo sie verkauft werden – nicht abgeschoben, sondern verkauft! –, zum Beispiel an libysche Milizen. Auch die Schlepper_innen werden mit einbezogen, um Menschen nach Libyen zu bringen. Tunesien braucht Geld, und die Europäische Union nutzt dies als Druckmittel.
Mit Juni trifft das Gemeinsame Europäische Asylsystem (GEAS) in Kraft. Was verändert sich dadurch für eure Arbeit?
AK: Wir von Afrique-Europe-Interact sprechen schon seit vielen Jahren über diese Externalisierung der EU-Grenzen auf afrikanischem Boden. Schon vor GEAS gab es bilaterale Abkommen, zum Beispiel zwischen Spanien und Marokko oder Italien und Libyen, und die Europäische Union bezahlt seit vielen Jahren Material und Ausrüstung für die Grenzschutzbeamt_ innen und stellt Geld bereit, um Menschen an der Weiterreise zu hindern. Mit GEAS verschafft die Europäische Union illegalen Pushbacks und Grenzverbrechen nun eine rechtliche Grundlage. Und das ist sehr gefährlich. Wir versuchen zu dokumentieren und aufzuzeigen, dass es Kettenabschiebungen zwischen diesen Ländern gibt, etwa von Tunesien über Algerien bis nach Niger. Wenn zum Beispiel Migrant_innen aus Subsahara-Afrika die strapaziöse Reise überleben und in Europa ankommen, können sie nach Marokko oder Tunesien zurückgeschickt werden, die nun als sichere Drittstaaten gelten. Dann beginnt der Kreislauf der Gewalt von Neuem. Sie haben keine Aussicht auf ein faires Asylverfahren, da das UNHCR ihnen keine Anhörung mehr gewährt. Es besteht große Gefahr, dass Menschen noch häufiger in gewalttätige Umgebungen zurückgeschickt werden.
Wie können wir hier in Österreich solidarisch sein?
AK: Die europäische Politik beeinflusst auch das nationale Recht in Österreich. Die Gewalt an den Grenzen wird damit noch näher an uns heranrücken. Am 12. Juni wird am Wiener Flughafen ein sogenanntes Grenzterminal eingeweiht, an dem die neuen Verfahren durchgeführt werden. Menschen können dort während des Grenzverfahrens auch bis zu sechs Monate lang festgehalten werden. Die Menschen werden also eingesperrt, während sie sich im Asylverfahren befinden. Sie können nicht einmal mehr in den österreichischen Staat einreisen und ein normales Asylverfahren wie bisher durchlaufen, sondern werden am Flughafen einem Screening und einem Grenz- bzw. Abschiebeverfahren unterzogen. Auch Kinder können festgenommen werden! Und Österreich wird das europäische Recht noch repressiver umsetzen, als es eigentlich müsste. Dagegen müssen wir uns auch hier in Österreich organisieren.
Mariem Abdallah (Name geändert) lebt in Tunesien und setzt sich trotz erheblicher Repression durch das tunesische Regime für die Rechte von Migrant_innen ein. Sie engagiert sich im Süden von Tunesien, um die Stadt Sphax, die für People on the Move zur wichtigsten Station auf der Reise nach Europa geworden ist.
Anne Kühne ist Teil von Afrique-Europe Interact und seit über 10 Jahren im Netzwerk politisch aktiv. Sie ist Sozialarbeiterin und lebt in Wien. Neben der transnationalen Arbeit engagiert sie sich als Teil der Gruppe in Wien gegen Abschiebungen und die menschenverachtende Asyl- und Migrationspolitik.
Anmerkung:
Mehr Information über das Netzwerk Afrique-Europe-Interact gibt es hier.