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Sie werden mit ihren schmutzigen Stiefeln in dein Schlafzimmer kommen

Ein Artikel von:
Andrea Ernst
Lölja Nordic

LÖLJA NORDIC verbindet Kunst mit politischem Aktivismus. Wegen ihrer entschiedenen Kritik an Putins Regime musste sie Russland 2022 verlassen. Seither ist sie Teil der Feminist Anti-War-Resistance (FAR), die sich gegen den Krieg in der Ukraine stellt.

Interview: ANDREA ERNST

Warum wurde ausgerechnet Österreich zu deinem Exilland?

Es war Zufall. Nach einer polizeilichen Festnahme kurz nach Kriegsbeginn musste ich so schnell wie möglich, innerhalb weniger Stunden über die Grenze. Eine Menschenrechtsorganisation organisierte für mich das Visum für Estland. Dort habe ich von der Möglichkeit erfahren, an der Akademie der bildenden Künste in Wien zu studieren. Dass ich damit ausgerechnet in der Stadt mit der höchsten russischen Agentendichte lande, ist eigentlich eine Ironie.

Wie würdest du dein Engagement in Russland beschreiben?

Es gab eine kurze liberale Zeit, in der wir uns als Feministinnen offen organisieren konnten. Es war möglich, in Frauenorganisationen zu arbeiten, reproduktive Rechte einzufordern und häusliche Gewalt öffentlich zu diskutieren. Es gab queere Festivals, ich selbst habe feministische Partys und Bildungsveranstaltungen organisiert. Das änderte sich ab 2012 mit dem ersten restriktiven Gesetz gegen sogenannte LGBT-Propaganda, mit dem die Darstellung „nicht-traditioneller sexueller Beziehungen“ vor Minderjährigen unter Strafe gestellt wurde. Danach wurden die Gesetze Schritt um Schritt restriktiver. Heute weiß ich, dass staatliche autoritäre Gewalt immer zur Kriegsvorbereitung gehört. Das war bereits ab 2014 – ab dem Beginn des Kriegs in der Ostukraine – in Russland zu spüren.

Wie entstand die Feminist Anti-War-Resistance (FAR)?

Ab dem 25. Februar 2022, nach der großen russischen Invasion in die Ukraine, organisierte sich ein breiter feministischer Widerstand gegen den Krieg.Wir tauschten uns in geheimen Gruppenchats aus und vernetzten uns in unterschiedlichen Kollektiven, Menschenrechts- und Frauenrechtsorganisationen. Wir begannen mit Straßenprotesten. Anfangs waren noch zigtausende Menschen auf der Straße. Und sehr oft die Frauen voran, alte, junge, aus allen Bereichen. Aber schon in den ersten Wochen wurden Tausende verhaftet, es folgten unzählige Gerichtsverfahren und Verurteilungen, teilweise zu langen Haftstrafen, oft wegen „Diskreditierung“ der Armee, oder unter dem Vorwurf als „ausländische/r Agent_in“ zu arbeiten. Inzwischen ist es praktisch unmöglich, einen offenen Protest zu organisieren, weil in dem Moment, in dem sich Menschen an einem bestimmten Ort verabreden, auch massenweise Polizei auftritt.

Wie würdest du die FAR beschreiben?

Viele von uns sind im Untergrund aktiv oder arbeiten aus dem Exil. Wir versuchen auf verschiedenen Wegen Hilfe zu organisieren, zum Beispiel für Anti-Kriegs-Aktivistinnen, die aus Russland fliehen müssen, für die politisch gefangenen Frauen in den Gefängnissen oder für die vielen Menschen, die aus der Ukraine nach Russland verschleppt wurden. Wir unterstützen jene, die sich gegen die Mobilisierung wehren, wir versuchen mit kleinen, kurzen Nachrichten über russische Kriegsverbrechen zu informieren – zum Beispiel über die vielen Tausenden Toten während der Belagerung von Mariupol. Mit Ausstellungen und Veranstaltungen klären wir auf, und wir sammeln Geld für die Ukraine. Jede und jeder kann uns unterstützen. In unserem Manifest formulieren wir unseren Standpunkt 1.

Was unterscheidet die FAR von anderen Friedensbewegungen?

Wir verstehen uns nicht als Friedensbewegung, sondern als Antikriegsbewegung. Denn unter russischer Besatzung wird es keinen Frieden geben. So arbeiten wir auch weltweit gegen die wachsende Macht autoritärer, rechter Regierungen. Wir spüren die Zunahme faschistischer Ideologien auf allen Kontinenten, zum großen Schaden der Frauen und queeren Bewegungen. Das Erste, was autoritäre Regierungen abschaffen, sind die sexuellen und reproduktiven Selbstbestimmungsrechte. Es ist ein Krieg, der für viele Frauen im eigenen Haus beginnt. Er nährt sich von der Gewalt in unserer Gesellschaft. Deshalb ist Feminismus immer ein untrennbarer Bestandteil des Widerstands gegen Krieg.

Wie ist es für dich möglich, politisches Engagement mit Kunst zu verbinden?

Viele Wiener_innen haben im Dezember / Jänner 2026 die Ausstellung „Women Against War“ im Museumsquartier gesehen. Das ist eine FAR-Installation, die die Geschichte des Widerstands der Frauen in Russland in 16 Porträts erzählt, einige davon wurden von feministischen Künstlerinnen gestaltet. Teilweise wurden die Porträts von Künstlerinnen gestaltet, die ihrerseits im Untergrund gegen den Krieg arbeiten. Für mich selbst ist meine Kunst das Gegengewicht zum Aktivismus. Sie ist der Raum, in dem ich mich auf mich und die Arbeit meiner Hände konzentriere. Sie ist mein Schutz vor dem Burnout.

Welche Materialien sind dir in der Kunst wichtig?

Ich habe das Arbeiten mit Textilien für mich entdeckt. Es ist real, du kannst es physisch angreifen – nicht zu vergleichen mit der Fotografie oder mit Videoarbeiten, die mich an digitale Geräte fesseln. Ich liebe es, an der Nähmaschine zu sitzen, mit den Händen zu arbeiten und Stoffe zu nutzen, um politische, feministische Ideen auszudrücken. In der patriarchalen Kunstwelt wurde das textile Arbeiten von Frauen lange als Kunsthandwerk verachtet. Das hat sich verändert. Ich mag Textilien, weil ich gegen ihre Weichheit eine scharfe politische Botschaft setzen kann. Es ist der Kontrast zwischen dem sanften Stoff und der feministischen Kritik, der mich fasziniert.

Kannst du ein aktuelles Beispiel nennen?

Das Projekt „161 – Die echte Wiener Schleife“, das Ende 2025 entstanden ist, bezieht sich direkt auf Österreich und Wien. Die meisten kennen diese riesige rote Schleife, die zur Weihnachtszeit als Dekoration an einem Modegeschäft in der Kärntner Straße hängt. Ich habe das Gegenstück – die „Echte Schleife“ entworfen, mit dem eingearbeiteten Code 161. Er steht analog für die Buchstaben A – F – A, für die dringend nötige „Anti-Fascist-Action“ in Österreich. Die FPÖ folgt hier dem weltweiten Zusammenschluss rechter Regierungen.

Was können wir vom feministischen Widerstand in Russland lernen?

So früh wie möglich mit Aufklärung und Widerstand beginnen. Es bleiben den Österreicher_innen nur noch zwei bis drei Jahre. Der Kreml hat ein sehr großes Interesse daran, der FPÖ zum Sieg zu verhelfen. Dafür setzen sie bereits jetzt große Mengen an Geld und Ressourcen in Medienkampagnen ein. Wer glaubt, er werde selbst niemals unter einer rechten staatlichen Repression leiden, zahlt am Ende dennoch einen hohen Preis. Es spielt nämlich keine Rolle, ob du politisch bist oder nicht. Rechtsextreme Regierungen werden früher oder später mit ihren schmutzigen Stiefeln auch in dein Schlafzimmer kommen. Deshalb müssen wir jetzt mit dem Widerstand beginnen, solange er in Österreich noch möglich ist.

Lölja Nordic, ist Aktions-Künstlerin, Ökofeministin und Mitgründerin des “Feministischen Antikriegswiderstands” (FAR) in Russland, geboren in St. Petersburg, studiert sie seit 2022 an der Akademie der Bildenden Künste in Wien.

Andrea Ernst ist Autorin und Filmemacherin, sie publizierte eine lange Reihe von Sachbüchern, arbeitete als Dozentin und langjährige Redakteurin für ARTE-WDR und die ARD, sie gehört zum Vorstandsteam der Frauen*solidarität.

Anmerkung: 1 Das Manifest der FAR kann hier auf Englisch nachgelesen werden.