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Projektionsfläche für Ängste

Drei Erfahrungsberichte aus der Kindheit

Migration in ein anderes Land kann Hoffnung, Freude und einen Neuanfang bedeuten. Sie kann aber auch die Erfahrung von Gewalt und Rassismus mit sich bringen. Dies erleben auch Kinder in der Diaspora. Zwar sind sich die gewaltvollen Erfahrungen ähnlich, und trotzdem sehen sie oft ganz anders aus. Vina Yun, Nadia Shehadeh und Kadriye Acar haben aus ihren Erlebnissen Erkenntnisse und Strategien gewonnen und diese in ihren Artikeln im Buch „Global Female Future“ festgeschrieben.

Vom Mythos der Model Minority

#StopAsianHate

Vina Yun

Als eines der ältesten Kinder der „Zweiten Generation“ koreanischer Einwander:innen in Österreich, das in den 1970er und 1980er Jahren in Wien groß wurde, erlebte ich das Paradox am eigenen Leib: Als Asiat:in galt ich als strebsam und passiv, fügsam und hinterhältig, ordentlich und schmutzig zugleich. Schon damals schien mir der „positive Rassismus“ weißer Österreicher:innen, wie manche die affirmativen Stereotype gegenüber asiatischen Menschen bezeichnen, willkürlich und zweifelhaft. In der Volksschule wurde ich meinen türkischen Mitschüler:innen gegenüber oft bevorzugt. Doch im Zweifelsfall landeten wir alle im selben Topf: Wir waren die Ausländerkinder.

In meiner Kindheit hatte ich noch keinen Begriff für das Misstrauen, das Gemieden-Werden, die herabwürdigenden Sprüche und Bezeichnungen, die mir an den Kopf geworfen wurden. Für das sonderbare Gefühl, wenn ich im Fasching andere Kinder sah, die sich als Chinesen verkleideten. Für die abschätzigen Bemerkungen über mein asiatisches Aussehen, das, je älter ich wurde, mit einem zunehmend sexualisierten Vokabular versehen wurde.

Antiasiatischer Rassismus gehört seit Langem zum Selbstverständnis westlicher Gesellschaften, geformt durch langjährigen Kolonialismus und Imperialismus. Dass er nicht erst durch die Corona-Pandemie hervorgebracht wurde, machen zahlreiche Initiativen und Projekte aus asiatisch-diasporischen Communitys deutlich, die Gegenerzählungen zu diesem Narrativ entwickeln. So verbinden Aktivist:innen Vergangenheit und Gegenwart, indem sie über die Geschichte antiasiatischer Darstellungen aufklären und derart kolonialrassistische Kontinuitäten thematisieren. Zudem leisten sie aktive Erinnerungsarbeit, indem sie die Lücken in der offiziellen Geschichtsschreibung westlicher Gesellschaften mit den Erfahrungen der Gast- und Vertragsarbeiter:innen aus den verschiedensten Ländern Asiens füllen, die schon vor Jahrzehnten hierhergekommen sind.

Auszug aus: Global Female Future (2022), S. 28–30

Zur Autorin: Vina Yun ist freie Journalistin, (Comic-)Autorin und Öffentlichkeitsarbeiterin in Wien. Sie schreibt über Feminismus/Queer, Postmigration, Arbeit, Medien- und Popkultur; 2017 erschien ihr Comic „Homestories“ über die Arbeitsmigration koreanischer Krankenschwestern nach Österreich und das Aufwachsen der Zweiten Generation in Wien. Twitter: @sailorkimchi

Rassismus, das ich-zentrierte Motiv der Mehrheitsgesellschaft

Nadia Shehadeh

„Wo kommst du her?“ bzw. „Wo kommen deine Eltern her?“ waren für mich seit der Kindheit Fragen, die ich nicht eindeutig beantworten konnte. Das lag auch daran, dass ich wie jedes andere Kind nur über ein unzureichendes geographisches Wissen verfügte. „Se-haaaa-deeeeh“, so lasen die Lehrer:innen zu Beginn eines jeden Schuljahres meinen Namen aus der Klassenliste vor: „Ist das ein persischer Name?“, fragten sie dann. „Das ist arabisch“, entgegnete ich darauf – ohne zu wissen, was „arabisch“ überhaupt bedeuten sollte. Wenn die Lehrer:innen mich dann fragten, ob mein Vater aus Saudi-Arabien käme, konnte es vorkommen, dass ich „ja“ sagte – obwohl es gemessen an nationalstaatlichen Standards falsch war. Aber das wusste ich damals noch nicht. Die Schubladen, in die ich gesteckt wurde, kannte ich in jungen Jahren nicht so genau.

Mein Vater hatte sich in Deutschland in den 1970er Jahren eine Aussprache unseres Nachnamens ausgedacht, die deutschen Muttersprachler:innen möglichst leicht von der Zunge gehen sollte: „Sche-ha-deeh“. Dass er unseren Namen so zu einem Phantasienamen ummodellierte, begriff ich erst Jahrzehnte später, als ich mit jungen syrischen Geflüchteten zusammenarbeitete. Sie fanden diese akustische Version eines arabischen Halbinselnamens so kompliziert, dass sie mich der Einfachheit halber mit „Frau Nadia“ ansprachen. Ich selbst bin bis heute nicht in der Lage, meinen Namen wirklich korrekt auszusprechen, da ich nie Arabisch gelernt habe – und deswegen nur über begrenztes Muskelgewebe im Hals-Rachen-Bereich verfüge, das bereits an „Shehadeh“ glorreich scheitert.

Ich lebe also mit Konstruktionen, die ausschließlich für mich geschaffen wurden. Dass ich meinen eigenen Hintergrund erst selbst kennen lernen musste, dass ich die Muttersprache eines Elternteils nicht sprechen kann und dass ich genug Rassismus internalisiert habe, um immer wieder Dinge fehlzuinterpretieren, löst Vieles bei mir aus: Faszination. Scham. Schmerz.

„Ich mag das Wort ‚Migrationshintergrund‘ nicht, weil ich denke, dass es ein Kampfbegriff ist“, verkündete ich einmal auf einer Lesung. Ein netter älterer Mann entgegnete darauf, dass es bei dem Wort doch nur darum gehe zu erfahren, wo jemand herkomme – und dass es deswegen wertfrei sei. „Wissen Sie“, entgegnete ich, „die Familie meiner Mutter kommt aus Tschechien. Aber nie geht es um dieses Bezugsland, wenn ich irgendwo über ‚Migrationshintergrund‘ spreche. Es geht immer nur um meinen ‚arabischen‘ Hintergrund.“ Nach kurzem Zögern musste er mir zustimmen. Der Begriff „Migrationshintergrund“, so hielten wir fest, wird vor allem dann eingesetzt, wenn es darum geht, Menschen einem Herkunfts- oder Bezugsland südlich von Spanien zuzuordnen.

Ob jemand nun einen Migrationshintergrund hat oder „arabisch“ ist, interessiert also nicht auf neutrale Art und Weise, sondern unterliegt vielmehr dem ich-zentrierten Blick der Mehrheitsgesellschaft.

Auszug aus: Global Female Future (2022), S. 34–37

Zur Autorin: Nadia Shehadeh ist Soziologin und Autorin, Kolumnistin für das Missy Magazine und nd.aktuell; freie Autorin u. a. für taz und DLF. Ihre Themenschwerpunkte sind Feminismus, Rassismus, Popkultur.

Ich verstehe es, aber ich akzeptiere es nicht

Leben zwischen dem Sauerland und Köln

Kadriye Acar

Über vieles in diesem sauerländischen Dorf habe ich mich gewundert. Unter anderem auch darüber, dass meine Geschwister und ich im Schulbus bespuckt und auf dem Schulhof verprügelt wurden. Auf die Frage warum, kam die Antwort: „Weil ihr anders seid“.

Anders inwiefern? Ich fragte meine Eltern: Wer sind sie, und was sind wir? Die Antwort meiner Mutter „wir sind Türken“ half mir nicht weiter. Auch nicht die Antwort meines Vaters: „Wir sind Muslime, alevitische Muslime“. Türken, Muslime, Aleviten. Und waren wir nicht auch Menschen?

Eine Situation vergesse ich bis heute nicht. Ich war ca. zwölf Jahre alt und spielte mit einem Klassenkameraden im Sandkasten. Irgendwann sagte er: Er würde alle schwarzhaarigen Frauen in die Gaskammer stecken. Dann könnten sie auch keine anderen schwarzhaarigen Kinder zeugen. Ich weiß noch, wie erleichtert ich war, dass ich keine schwarzen Haare habe. Aber ich war Frau – noch eine Identität, die dazu führte, dass ich – in diesem Fall – vergast werden sollte. Es war also gar nicht so einfach, vielmehr sehr komplex.

In der Grundschule wurde mir ein Arm gebrochen. Mein Schulkamerad Daniel war der Meinung, dass sich „dreckige Türkinnen“ hinten anstellen müssten. Wir sollten uns aufreihen, um in die Klasse zu gehen. So schubste er mich, ich fiel auf meinen Ellenbogen. Für Daniel hatte das keine Folgen. Für mich schon: Ich, Linkshänderin, kann seitdem auch rechts schreiben.

Ich habe mir sehr früh überlegt, woher dieser Hass gegen mich kam. Dieser Hass, der zu dieser Zeit kein abstrakter war, sondern den ich als gegen mich persönlich gerichtet verspürte, nicht gegen eine imaginäre Gruppe.

Diese Erfahrungen haben mich geprägt, meine Sinne geschärft für Ausgrenzung und Abwertung. Und nicht zuletzt haben diese frühen Erfahrungen dazu geführt, dass ich zeit meines Lebens gegen meine eigenen Reaktionen ankämpfe und versuche, mich nicht in negativen, misstrauischen oder vorsichtigen Reaktionsmustern zu verfangen. Und dass ich viel Energie dafür aufwende, um Verständnis für das zu entwickeln, was mich damals in Lasbeck so fassungslos machte und was so unverständlich war. […]

Studium und Beruf halfen mir, mein Leben im Kontext historischer Entwicklungen zu verstehen, als Teil dessen, was sich als „Gastarbeitergeschichte“ titulieren lässt. Ich habe verstanden, dass die Gastarbeiter:innen in der zunehmend härter werdenden Arbeitswelt eine willkommene Prügelgruppe für ihre deutschen Kollegen:innen darstellten, die sich immer mehr abgewertet und von der Entwicklung überrollt fühlten; habe verstanden, dass die hierdurch frustrierten männlichen Gastarbeiter in ihrem Gekränkt-Sein und auf der Suche nach Ventilen für ihre resultierenden Aggressionen auf die Menschen zurückgriffen, die ihnen in jeder Beziehung am nächsten waren: ihre Frauen und Kinder. Und dass ich dadurch das hatte, was eine Freundin „die doppelte A…karte“ zu nennen pflegt. […]

Denk ich an Lasbeck in der Nacht, so verstehe ich heute, als 53-Jährige, dass das Kind Kadriye Projektionsfläche für die Ängste anderer war. Manchmal bin ich das heute noch, aber ich kann heute damit besser umgehen. Ich verstehe es, aber ich akzeptiere es nicht.

Auszug aus: Global Female Future (2022), S. 38–40

Zur Autorin: Kadriye Acar ist seit über 30 Jahren Fernseh- und Hörfunkjournalistin in Köln. Sie kommt mit knapp vier Jahren zusammen mit ihren Eltern aus Mittelanatolien nach Deutschland, studiert später Politik, Germanistik und Islamwissenschaften in Köln, unterrichtet außerdem Politik und Deutsch an Schulen.

Lesetipp: Andrea Ernst, Ulrike Lunacek, Gerda Neyer, Rosa Zechner, Andreea Zelinka (Hrsg.): Global Female Future. Wie feministische Kämpfe Arbeit, Ökologie und Politik verändern“. Wien: Kremayr & Scheriau. 2022

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