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Ein Artikel von:
Noo
Mirabell Eckert

Das Perilla-Magazin schafft einen Safespace für die asiatische Diaspora

Interview mit Noo

Perilla ist ein Magazin von der asiatischen Diaspora für die asiatische Diaspora in Österreich. Wie es entstanden ist, warum die Gründer_innen damit ihre Repräsentation selbst in die Hand nehmen und wie sie sprachliche Vielfalt zum Ausdruck bringen, erzählt Cofounderin Noo im Interview mit Mirabell Eckert.

Du bist Cofounderin vom Verein zur Förderung und Sichtbarmachung der asiatischen Diaspora in Österreich namens Perilla. Was macht ihr genau?

Noo: Perilla ist 2020 gegründet worden und soll einen Raum für die Gedanken und Narrative der asiatischen Diaspora schaffen. Corona ist und war zwar ein Katalysator dafür, dass Perilla entstanden ist, aber der Fokus liegt nicht auf dem Rassismus, den wir durch Corona erlebten. Mit Perilla soll ein Platz und Raum, ein Safespace, geschaffen werden für unsere Geschichten und unsere Lebensrealitäten, wo man sich nicht erklären muss und sich austauschen kann. Perilla soll das fördern und sichtbarer machen, aber es ist kein Kulturvermittlungsverein. Perilla ist nicht in erster Linie für ein Außen bestimmt, sondern für uns.

Vor dem Hintergrund haben wir natürlich eine politische Haltung und sehen uns auch als queer-feministisch. Es ist mehr etwas von uns – für uns.

Da du Perilla mitgegründet hast – wie war der Prozess der Gründung, und warum war es wichtig, so einen Verein zu gründen?

Noo: Wir haben das damals zu viert begonnen, sind aber mittlerweile zu sechst. Es ist wichtig, schlicht und einfach weil es so was überhaupt noch nicht für die zweite Generation in Österreich oder in Wien gibt. Während Corona sind wieder viele Negativbilder und Rassismen gegenüber Asiat_innen in Gesellschaft und Medien erschienen. Dadurch ist uns nochmal mehr bewusst geworden, dass wir sowas wie Perilla einfach brauchen.

Nachdem die erste Ausgabe erschienen ist, haben wir viele Rückmeldungen von Menschen bekommen, die sich gefreut haben, dass es so einen Ort gibt, wo man einfach sein, sich wohlfühlen und mitteilen kann, ohne kritisiert zu werden und einer/m auch geglaubt wird. Durch die vielen Geschichten von Rassismus haben wir uns dann gedacht, dass wir etwas tun wollen – vielleicht in irgendeiner Art diesen Bildern entgegenzuwirken. Wobei es nicht wirklich darum geht, sondern um Repräsentation. Eine Repräsentation, die von uns kommt und uns nicht nur zugeschrieben wird.

Literatur in Österreich ist oftmals ziemlich weiß. Inwiefern würdest du sagen, dass Perilla einen Gegenvorschlag zum allgemeinen literarischen Kanon darstellen soll?

Noo: Gegenvorschlag vielleicht in dem Sinne, dass gewisse Normen und Wertvorstellungen hinterfragt und aufgebrochen werden sollen. Unsere Worte und Texte im Gedruckten zu sehen und lesen zu können, stellt schon eine Vielfältigkeit in sich dar und muss nicht im Gegensatz zu etwas stehen. Sprache hat ja auch etwas Klassistisches. Es geht darum, wer Sprache wie verwendet, wer etwas sagen darf und wer nicht gehört wird.

Bei uns geht es auch viel darum, dass wir entweder nicht gehört werden beziehungsweise gar nicht zur Sprache kommen oder uns erst Raum gegeben werden muss, damit wir etwas sagen dürfen. Und Perilla ist ein Werkzeug, mit dem wir uns den Raum selbst nehmen. In diesem Raum sind wir mit der Sprache und den Wörtern, die wir verwenden, und existieren mit unseren Stimmen, ohne uns erklären zu müssen. Also es ist kein Gegensatz zum allgemeinen literarischen Kanon, sondern es ist einfach auch da und hat genauso Existenzberechtigung.

Wie schafft ihr es, die Vielfältigkeit in Perilla abzubilden?

Noo: Wir hatten bis jetzt zwei Open Calls. Das erste Thema war Zusammenkommen und das zweite Gespenster. Wir haben das offen gelassen für Interpretationen und was Leute sich dazu einfallen lassen. Es wird eine dritte Ausgabe Anfang 2023 geben. Allerdings steht diese in Zusammenhang mit einer Veranstaltung. Am 29. September 2022 gab es im Rhiz ein Musikevent, das auch Seh- und Hörgewohnheiten herausforderte und verändern sollte. Denn es traten asiatischgelesene Musiker_innen auf, die in Österreich leben. Und asiatische Musiker_innen verbindet man oft mit klassischer Musik. Dieses Event hat das aufgebrochen.

Welche Bedeutung würdest du Sprache zuschreiben?

Noo: Wir haben schon Wert darauf gelegt, dass die Leute in unterschiedlichen Sprachen einreichen können. Wir übersetzen das dann, allerdings nur, damit mehr Leute Zugang dazu haben und das auch verstehen können, und nicht, weil es unsere Anforderung ist, dass es in einer gewissen Sprache geschrieben werden soll.

Eigentlich sollte Sprache nur zur Kommunikation dienen und Brücken schaffen: Ich sage etwas, und mein Gegenüber versteht mich. Wenn aber der Anspruch ist, gut Englisch zu sprechen oder dass du deine Erstsprache gut können musst, dann kann das isolieren, anstatt zu verbinden. Sogar schon im deutschsprachigen Raum ist das meiner Meinung nach wichtig, dass bestimmte Dialekte und Akzente genauso da sein können wie Hochdeutsch. Es gibt Dialekte und Akzente, über die sich lustig gemacht wird, und das macht viel mit einem. Man sollte Sprache nutzen und sich ausdrücken können, ohne Angst zu haben oder sich schämen zu müssen oder dass darüber geurteilt wird.

Bei Perilla ist es uns wichtig, die Hör- und Lesegewohnheiten zu verändern, weil wir bestimmte Sprachen immer wieder sehen und manche gar nicht. Und wenn diese mehr gezeigt oder abgedruckt werden, könnte sich auch wandeln, wie gewisse Sprachen wahrgenommen und gelesen werden. 

Ist es auch ein Ziel von Perilla, gesellschaftlich etwas in Bezug auf Sprache zu verändern?

Noo: Bei den sprachlichen Aspekten geht es uns darum, dass diese Hegemonie aufgebrochen wird und dass alle in verschiedenen Sprachen zum Ausdruck bringen können, was sie wollen. Für manche Wörter gibt es gar keine Übersetzung in andere Sprachen, und durch bestimmte Wörter können bestimmte Gefühle ausgelöst werden.

Ich musste gerade daran denken, dass es normal geworden ist, Anglizismen zu lesen, weil man das so antrainiert hat, gleichzeitig sehr viele andere Sprachen aber nicht so präsent sind.

Noo: Ich glaube schon, dass es der Hauptaspekt von Perilla ist, dass wir diesen Raum überhaupt schaffen. In weiterer Folge wäre es natürlich super, wenn sich das in eine Richtung entwickeln würde, in der mehr Bewusstsein geschaffen wird. Ich glaube, wenn wir die Texte in den verschiedenen Sprachen oder Stilen, die von den Autor_innen gewählt werden, abdrucken oder zeigen, dass dadurch bereits zum Ausdruck gebracht wird, dass es okay ist, so zu sein oder da zu sein, und dass das die Vielfältigkeit mehr zum Ausdruck bringt, als wenn wir es konkret ansprechen.Außerdem soll der Raum, den wir schaffen, auch dazu da sein, dass wir uns von den Gedanken befreien, wer was sagen darf und wie Sprache verwendet werden soll. Sprache soll ohne Scham verwendet werden können. Dafür wollen wir einen Raum schaffen. Die Sprache oder die Worte, die wir verwenden, sollen mit einer Selbstverständlichkeit verwendet werden können.

Webtipp: perillazine.com

Zur Interviewten: Noo ist Mitbegründer*in von Perilla, einem Verein zur Förderung und Sichtbarmachung der asiatischen Diaspora in Österreich.

Zur Interviewerin: Mirabell Eckert hat ihr Studium der Kulturanthropologie in Freiburg im Breisgau abgeschlossen und studiert nun den Master in Internationaler Entwicklung in Wien. Der Fokus ihres Studiums und auch ihr Interesse darüber hinaus liegt auf queer-feministischen Themen sowie sozialer Ungleichheit.

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